Sorge vor Auftragsstau und eine Klopapier-Marktlücke

 

(13.04.2020) In der dritten Ausgabe des RSV-Erfahrungsaustauschs am 8. April standen erneut die Folgen des Corona-Lockdowns für die Branche im Mittelpunkt, ebenso die Unsicherheit über die Frage: „Wie geht es nun eigentlich weiter?“ Mitglieder äußerten die Befürchtung, dass schleppend verlaufende Genehmigungen zu einem Auftragsstau im zweiten Halbjahr führen könnten. Und dann gab es da noch die - freilich nicht ganz ernst gemeinte - Idee, jetzt das heiß begehrte Klopapier aus den öffentlichen Netzen wieder unters Volk zu bringen.

Interessant waren die Aussagen von Mark André Haebler, zuständig für den international Sales und Development-Bereich beim RSV-Mitglied Uhrig. Der aus Österreich zugeschaltete Experte berichtete von einigen schwierigen und ungeordneten Verhältnissen im Alpenland. Nach einem kompletten Stillstand der Wirtschaft hatte Österreich am Tag zuvor die Pläne zum Ende des Shutdowns veröffentlicht.

„Wir haben genug zu tun“

„Dass es unkoordiniert läuft, das Gefühl habe ich überhaupt nicht“, konnte Wolfgang Buchner von Hamburg Wasser dieses Bild für Deutschland nicht bestätigen. Ebenso Karsten Messer vom Netzbetreiber Hansewasser in Bremen. „Wir haben genug zu tun“, lautete seine Zusammenfassung. Als Seitenhieb auf den von vielen Netzbetreibern gemeldeten Klopapier- und Feuchttücher-Überschuss in den öffentlichen Netzen schlug er scherzhaft vor, jetzt eine wichtige Marktlücke zu schließen. Nach dem Motto: „Wie nutze ich das alte Toilettenpapier und bringe es wieder an den Markt?“

Sorge vor Stau im dritten und vierten Quartal

Steffen Hommel vom Ingenieurbüro IRS Sachsen äußerte die Sorge, dass die durch das Corona-Virus bedingten Verzögerungen für alle Beteiligten zum Problem werden könnte. „Wenn wir planen, brauchen wir Genehmigungen. Behörden nehmen sich die Zeit, die sie brauchen, die Dinge zu bearbeiten. Ich befürchte, es wird einen Stau im dritten und vierten Quartal geben, der dazu führt, dass die Firmen kaum etwas zu tun haben, weil es keine Genehmigung gibt.“ Schwierig werde es dann für Kommunen, bei denen die Gelder noch für dieses Haushaltsjahr eingeplant waren.

Lieferkette funktioniert

Von Seiten der Hersteller berichtete Dominic Tomasso vom Mitglied Saertex multiCom, dass das Unternehmen derzeit weiter mit voller Kapazität produziere. „Die Lieferkette, die uns mit Rohstoffen versorgt, ist weiterhin gegeben, ebenso der Warenabfluss“, gab er ein positives Signal. Allerdings liege das an Aufträgen, die bereits vor mehreren Wochen getätigt wurden.  „Unser Warenabfluss ist weiterhin noch gegeben. Die Frage ist, wann sich das Auftragsloch bei uns nach hinten verschieben. Das lässt sich gerade schwer abschätzen“, so Tomasso. Zielländer wie Frankreich, wo nahezu das komplette Wirtschaftsleben lahmgelegt wurde, seien allerdings derzeit komplett abgeschnitten.

Die Audio-Aufnahme des Meetings steht unter diesem Link für eine Woche zum Nachhören zur Verfügung. https://we.tl/t-DY30t1Bksw

Nächste Konferenz am Mittwoch, 15. April

Die nächste Videokonferenz am 15. April soll den Schwerpunkt haben, wie die Arbeitskreistätigkeit im RSV vorangetrieben werden soll. Aber auch aktuelle Themen sollen erneut besprochen werden, wie eine Diskussion über die Frage, ob die IFAT abgesagt werden sollte?

 

 

 

Praktische Tipps, Solidarität und auch ein wenig zu lachen...

(02.04.2020) "Stark im Verband" - so lautet ein Leitspruch des Rohrleitungssanierungsverbandes. Beim Erfahrungsaustausch zur Corona-Pandemie konnte man das am Mittwoch wörtlich nehmen: Neben praktischen Hilfen haben die Mitglieder in der Videokonferenz konkrete gegenseitige Hilfe angeboten. Natürlich ging es auch diesmal um die aktuelle Auftragslage und die veränderten Arbeitsabläufe auf den Baustellen - und es gab trotz der kritischen Thematik sogar etwas zu lachen.

Infektionsschutz beherrschendes Thema

Der Schutz der Mitarbeiter war das beherrschende Thema der zweiten RSV-Corona-Videokonferenz, auf der Mitglieder und Netzbetreiber ihre Erfahrungen austauschten. Alle anwesenden Unternehmensvertreter berichteten über Umstellungen in den Abläufen bei weiterhin aktiver Sanierungstätigkeit.  "Wir sind aktuell eigentlich mit allen Truppen draußen. Unsere Mannschaften bestehen in der Regel aus zwei Leuten. Den Abstand können wir einhalten", berichtete etwa Torsten Schamer, Geschäftsführer von Arkil Inpipe. Schwierig könne es allerdings in dem Fall werden, wenn ein Mitarbeiter ausfällt oder wenn es einen Verdachtsfall mit Covid-19 geben sollte. "Wir haben bisher dann Springer eingesetzt. Damit würde man jetzt nicht mehr weiter kommen, da ja genau ein solcher Wechsel nun vermieden werden muss", so Schamer.

Die Aufteilung von Teams, Arbeit in unterschiedlichen Schichten und das strikte Achten auf die Einhaltung der Abstandsregeln - das gehört nach Auskunft aller anwesenden Sanierungsunternehmen zum Arbeitsalltag. "Bei uns sind alle mit Mundschutz, mit Schutzbrillen, Einmalanzügen und auch mit Desinfektionsmitteln ausgestattet", berichtete Axel Zimmerbeutel von Rohr Frei Zimmerbeutel. Zimmerbeutel berichtete, welche kriminellen Blüten aktuell der Handel gerade treibt: "Mir wurden jetzt Masken für 19 Euro angeboten, die früher 1,20 Euro gekostet haben."

Hersteller sehen gebremsten Auftragseingang

Um das Kontaktverbot zu befolgen, hat der Hersteller Brandenburger Liner den Schichtbetrieb durch eine zusätzliche Phase erweitert, in der der Schichtwechsel ohne Aufeinandertreffen der Mitarbeiter durchgeführt wird. Der Auftragseingang ist vor allem im Ausland stark gebremst, wie Wendelin Böhne vom Vertriebsteam berichtet. "Wir werden zunehmend nach Lagermöglichkeiten für beauftragte Liner gefragt. Die Baustelle ist organisiert, das Unternehmen steht bereit, aber es fehlt an verkehrsrechtlichen Anordnungen, die jetzt von Behördenseite nicht bearbeitet werden ", weist er auf Probleme bei Kunden hin. Grund dafür sei, dass Mitarbeiter von Netzbetreibern im Home-Office arbeiten und derzeit nicht auf die Baustellen kommen. Ein Umstand, auf den der RSV auch in seiner Stellungnahme an Netzbetreiber hingewiesen hat.

Als aktuelles Worst-Case-Szenario sehen die Branchenvertreter ein Arbeitsverbot wie in anderen europäischen Ländern, in denen die Ausbreitung der Krise zu einem Kollaps des Gesundheitssystems geführt hat. "Wir haben nun einmal keinen Einfluss auf solche Randbedingungen", so Niklas Ernst von Bluelight.

"Bewertung als relevante Infrastruktur wichtig"

"Marktabhängig verhaltener, aber kein Totalausfall" – so lautet die aktuelle Bilanz von Amiblu-CEO Dr. Alexander Frech, der sich aus Österreich dazuschaltete. Im internationalen Bereich mache dem Unternehmen der aktuell starke Euro zu schaffen. Was die Nachfrage betrifft, sieht Frech allerdings weiterhin Potenzial: "Produktionsseitig ist es von überragender Wichtigkeit, dass wir als relevante Infrastruktur gewertet werden", lautet die Einschätzung, die auch ausführende Unternehmen bestätigten.

Gemischtes Bild bei Netzbetreibern

Trotz vieler Lichtblicke - die Unsicherheit über die weitere Lage war in der Konferenz spürbar. Auf Seiten der Netzbetreiber zeigte sich ein geteiltes Bild über die Auftragslage: Frank Sörries von der Gemeinde Ense im Sauerland berichtete von einer drohenden Haushaltssperre seiner Kommune und damit ein Aussetzen von Sanierungsvorhaben. "Wenn die Wirtschaft am Stock geht, sollten wir gerade jetzt aktiv sein", lautet dennoch seine Haltung. Dieter Beckmann von der Stadtentwässerung Solingen vermeldete den uneingeschränkten Fortgang der Arbeiten, ebenso wie Delia Ewert von Hamburg Wasser.  "Wir versuchen jetzt viel zu machen – wir haben jetzt zum Beispiel einige Rahmenvertragsaufträge vergeben, die wir sonst später gemacht hätten", berichtete Ewert. Zudem würden nun Reinigungsarbeiten in der wenig belebten Innenstadt vorgenommen.

"Insel der Glückseligen"

Dass nicht ganz Deutschland gleichermaßen von der Corona-Krise erfasst ist, ließ Steffen Hommel erkennen, Geschäftsführer des Ingenieurbüros IRS. "Wir sind in Sachsen auf der Insel der Glückseligen. Die Baustellen laufen, auch große Ausschreibungen gehen voran. Wir verzeichnen einen sehr guten Auftragszugang. Die Auftraggeber haben nicht signalisiert, dass sich akut etwas ändert. Das einzige ist, dass wir auf eine Lieferung aus Dänemark warten", so Hommel. Auch hier signalisierte ein RSV-Mitglied Solidarität und bot – nicht ganz uneigennützig - direkte Hilfe an, zur Erheiterung aller Teilnehmer.

Die nächste Videokonferenz ist am kommenden Mittwoch, 8. April. Einwahldaten werden ab sofort an Mitglieder versendet. Wer nicht Mitglied ist, kann ebenfalls teilnehmen. Aus Datenschutzgründen ist eine Anmeldung erforderlich - bitte senden Sie eine kurze Mail an webkonferenz@rsv-ev.de.