RSV-News Mikroplastik aus Abwasserrohren: Eine Schlagzeile und ihre Geschichte

”Abwasserrohre verursachen Mikroplastik” - dieser Schlagzeile sind wir auf den Grund gegangen und haben Erstaunliches herausgefunden.

von Dipl.-Journ. Reinhild Haacker

Daumen hoch für eine Pressemitteilung

Mikroplastik: „Abrieb in Abwasserrohren aus Kunststoff – unter diesem Titel ist im November 2021 eine Pressemitteilung von der Fachvereinigung Betonrohre und Stahlbetonrohre (FBS) erschienen. Sie bezieht sich auf Ergebnisse einer aktuellen Studie des Instituts "Fraunhofer Umsicht". Die Pressemitteilung verfehlte ihre PR-Wirkung nicht. Vielfach wurde der Beitrag in Fachmedien publiziert, er wird seither in den Social-Media-Kanälen geteilt und die Daumen gehen stets nach oben. Dies liegt möglicherweise daran, dass das das zentrale Ergebnis der Studie in der Pressemitteilung unerwähnt bleibt. Außerdem geht aus der Mitteilung nicht direkt hervor, wer die Studie eigentlich in Auftrag gegeben hat: Die FBS selbst.

Wie die Schlagzeile eigentlich gelautet hätte…

Schaut man sich die Bewertung des Fraunhofer Instituts an, hätte die Schlagzeile auch lauten können: Abwasserrohre verursachen weniger Mikroplastik als bisher erwartet oder Neue Fraunhofer-Studie: Belastung aus Kunststoffrohren durch Mikroplastik ”eher gering”. Bei der Durchsicht der Original-Studie des Fraunhofer Instituts wird dieses Ergebnis nämlich deutlich formuliert und unter dem Titel ”Bewertung” im ersten Satz klar vorangestellt: "Die Abschätzungen zeigen, dass zurzeit die Mengen an Kunststoffabrieb im Vergleich zur Gesamtmenge der Mikroplastikemissionen (vergl. Vorbemerkung) eher gering sind”. Hintergrund ist: In der Konsortialstudie 2018 ging das Fraunhofer Umsicht Institut noch von einem Wert von 12,0 Gramm pro Person und Jahr bei Abwasserrohren aus Kunststoff als Verursacher aus – mit der neuen Studie sind es "nur" noch 1,45 Gramm pro Person und Jahr. 

Emission aus Rohren im Vergleich deutlich nach unten korrigiert

Auf Nachfrage beim Institut bestätigt einer der Autoren der Studie, dass die Detailstudie eine deutliche Korrektur der Mikroplastikemission von Kunststoffrohren nach unten ergab. Der Grund dafür ist die Einbeziehung der Filterung des Abwassers und die genaue Beschäftigung mit dem Abriebverhalten sowie erwartbaren Verhältnissen bei der Abwasserdurchleitung.

Der Wert der Mikroplastik-Emission würde in der Konsortialstudie nun auf dem Niveau von Rasentrimmern und Motorsensen liegen - auf Platz 24 von insgesamt 30 Verursachergruppen von Mikroplastik. Die Studienautoren bringen zudem klar zum Ausdruck: Es handelt sich hier um Berechnungen und Abschätzungen, nicht um echte Messungen. Tatsächliche Daten könne nur man durch die kontinuierliche Messung und Analyse von Mikroplastik im Abwasser ermitteln. 

"Sehr konservativ angenommen"

”Die in der Studie für die Berechnung angenommene Abrasion auf einem Viertel der Rohrfläche wird aus meiner Sicht sehr konservativ angenommen”, sagt Andreas Haacker, Geschäftsführer von Siebert + Knipschild und ehrenamtlicher Vorsitzender des RSV. In seinem Labor werden regelmäßig Zulassungsprüfungen für Kunststoffrohre mit der Darmstädter Kipprinne vorgenommen. ”Die tatsächliche Beanspruchung findet im Mittel auf etwa zehn Prozent der Fläche – also der Gerinnebreite statt”, so Haacker.

Weiterer Punkt: In der Studie wird auf das Vorhandensein von Weichmacher und Additiven im Baubereich hingewiesen, allerdings die Nutzung in Rohren nicht erläutert. "Gerade um eine hohe Langlebigkeit herzustellen, werden grundsätzlich für die Herstellung von Kanalrohren keine Weichmacher eingesetzt. Somit ist für Kanalrohre eine Weichmachermigration ausgeschlossen."

Die Stellungnahme des RSV dazu

Wie sollten wir als Verband der Rohrleitungssanierung darauf reagieren? Das Thema zu ignorieren, ist sicherlich keine Lösung. Denn das weltweite Problem des Mikroplastiks in Meeren, Flüssen oder im Trink und Abwasser ist vorhanden und dringlich. Andererseits ist jedem klar, der an Baustellen alte, rostige oder gebrochene Wasserohre sieht: Der Zahn der Zeit frisst unaufhörlich an Wasser- und Abwasserleitungen. Ohne Kunststoffe – ob im Neubau oder in der Sanierung – geht es nicht.

Reifen, Bitumen, Kunstrasen: Bekannte und unbekannte Verursacher von Mikroplastik

Übrigens: Die größten Mikroplastik-Verursacher im Abwasser sind Abrieb von Reifen (1228,5 g/cap a), Freisetzung bei der Abfallentsorgung (302,8 g/cap a) und Abrieb von Bitumen in Asphalt (228 g/cap a). Die Konsortialstudie hatte bei der Veröffentlichung bundesweit für Aufsehen gesorgt, weil sich auch Schuhsolen und Kunstrasen unter den Top Ten der Verursacher befanden. Die sehr lesenswerte Studie gibt’s hier.

 

Foto: Adobe Stock

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