RSV-News So macht Kassel Wasser beim Bürger dicht

Im Interview erklärt Mücahit Özgür von KASSELWASSER, wie eine Kommune die Verantwortung für private Anschlussleigungen  der Einwohner übernimmt.

Das Thema Hausanschlusssanierung gewinnt im RSV zunehmende Bedeutung. Der Verband aktualisiert gerade das Merkblatt 7.1 und wird im Arbeitskreis von einem engagierten Netzbetreiber unterstützt: Mücahit Özgür von KASSELWASSER, zuständig für die Inspektion und Sanierung von Zuleitungskanälen. Das Besondere in der Stadt: Der Netzbetreiber übernimmt die grabenlose Sanierung von schadhaften Zuleitungskanälen im Bürgerauftrag - und hat damit gute Erfahrungen gemacht. Im Interview mit RSV-Geschäftsführerin Reinhild Haacker erzählt er, wie das Ganze abläuft.

RSV: Wir müssen zuerst über die Begrifflichkeiten reden, die für den Außenstehenden nicht einfach einzuordnen sind. Sie sprechen über Zuleitungskanäle, nicht von Grundstücksentwässerungen. Warum?

Mücahit Özgür: Zuleitungskanäle - das ist der Begriff, der im hessischen Wassergesetz verwendet wird. Er ist der Oberbegriff für alle Anschlusskanäle und Grundleitungen, die am öffentlichen Abwasserkanal angeschlossenen sind.

RSV: Wo wir schon bei den Begrifflichkeiten sind - wo liegt der Unterschied zwischen Anschlusskanal und Grundleitung?

Mücahit Özgür: Als Anschlusskanal bezeichnet man laut DIN das Stück vom öffentlichen Kanal bis zur Grundstücksgrenze oder bis zum ersten Revisionsschacht. Grundleitungen sind im Erdreich oder unter der Bodenplatte unzugänglich verlegte Leitungen. Beide zusammen bilden eben - in Hessen - den Zuleitungskanal.

 RSV: Herr Özgür, wie engagiert sich KASSELWASSER im Bereich der Dichtheit und Sanierung von Zuleitungskanälen?

Mücahit Özgür: Wir inspizieren in ausgewählten Sanierungsgebieten mit speziellen Kameras vom öffentlichen Abwasserkanal aus bis zu einer Tiefe von etwa 50 m systematisch alle angeschlossen Zuleitungskanäle. Nach der Inspektion und der Auswertung senden wir den Grundstückseigentümern die Zustandsberichte zu. Bei einem ausführlichen Beratungsgespräch vor Ort erläutern wir den Grundstückseigentümern die vorgefundenen Schäden und klären sie rund um die Grundstücksentwässerung auf.

Bei einer erforderlichen Sanierung in offener Bauweise weisen wir die Eigentümer auf die in Kassel geltende Fachbetriebspflicht bei sämtlichen Arbeiten am Zuleitungskanal hin. Dabei werden die Eigentümer von uns beratend unterstützt.

In der Regel ist eine Sanierung in grabenloser Bauweise möglich. Für diesen Fall bieten wir den Eigentümern an, die Sanierung des schadhaften Zuleitungskanals über uns abzuwickeln.

RSV: Sie gehen also beim Grundstückseigentümer in Vorleistung - anders als in vielen anderen Bundesländern und Kommunen, wo der Grundstückseigentümer vor der Aufgabe steht, die Sanierung komplett selbst zu organisieren. Wie genau läuft denn die Abwicklung über Sie ab?

Mücahit Özgür: Mit einem Formular sichert uns der Grundstückseigentümer zu, dass er die Kosten bei einer Sanierung übernimmt und uns mit der Abwicklung beauftragt. Das Angebot wird in den meisten Fällen gerne angenommen. Die Sanierungsarbeiten werden durch Vertragsfirmen von KASSELWASSER durchgeführt. Wir überwachen die Sanierungsmaßnahmen, kontrollieren die Qualität und prüfen die Rechnung. Am Ende darf der Bürger eine Bewertung abgeben. 

RSV: Hat der Grundstückseigentümer auch finanziell etwas davon?

Mücahit Özgür: Wir machen regelmäßige Ausschreibungen für Rahmenverträge. Damit haben wir wahrscheinlich bessere Konditionen, als wenn jeder Bürger einzeln die Beauftragung vornimmt. Viel wichtiger ist aber, dass Grundstückseigentümer auf diese Weise vor unseriösen Firmen geschützt werden und darauf vertrauen können, dass wir „die Sache“ gut machen. Dabei ist entscheidend, dass nicht der Eigentümer, sondern KASSELWASSER einen Vertrag mit der Sanierungsfirma eingeht.

RSV: Wie zeit-, kosten- und personalintensiv ist Ihr Engagement - und wieweit "rechnet sich" der Einsatz für Sie?

Mücahit Özgür: Es ist schon ein Aufwand, keine Frage. Wir inspizieren die Zuleitungskanäle mit eigenem Personal und eigenen Fahrzeugen. Hinzu kommt die anschließende Auswertung und Beratung, die unsere Ingenieure vornehmen - dies wird über die Abwassergebühr abgedeckt. Die Kosten für die Sanierung sind vollständig vom Grundstückseigentümer zu tragen. Für die Unterstützung bei der Abwicklung erheben wir eine Pauschale, da der Aufwand für die Überwachung nicht über die Abwassergebühr getragen wird.

RSV: Gehen Sie nach dem Zufallsprinzip vor? Wie ist die Systematik, um möglichst viele Grundstückseigentümer zu erreichen?

Mücahit Özgür: Immer dort, wo der öffentliche Kanal überprüft und falls erforderlich saniert wird, werden grundsätzlich die Zuleitungskanäle inspiziert. Nach dem Motto „Mit gutem Vorbild voran“ sieht der Eigentümer die Sanierungsarbeiten vor der Haustür und so ist es einfacher zu argumentieren und zu sagen: Der öffentliche Kanal wird in Ordnung gebracht – jetzt bis Du dran.

RSV: Welche Reaktionen erleben Sie bei Grundstückseigentümern, bei denen Sie schadhafte Leitungen entdeckt haben?

Mücahit Özgür: Es ist eine wichtige Aufgabe, den Bürger frühzeitig ins Boot zu holen. Viele Grundstückseigentümer sind überrascht über die Feststellung, dass ihre Leitung nicht in Ordnung ist. Sie sind letztlich aber doch dankbar über die ausführliche Beratung. Die meisten Eigentümer haben Verständnis und sanieren dann auch konsequent.

RSV: Wie hoch ist denn die Schadensquote und welche "klassischen" Schäden sehen Sie?

Mücahit Özgür: Die Schadensquote liegt bei etwa 70 Prozent. Klassische Schäden sind Wurzeleinwuchs, Riss- und Scherbenbildung, Versätze mit sichtbaren Erdreich und einragende Dichtungen.

RSV: Was würden Sie Netzbetreibern und Kommunen raten, die mit dem Gedanken spielen, ihren Fremdwasser-/ Grundwassereintrag zu reduzieren

Mücahit Özgür: Es macht Sinn, im Rahmen der Überprüfung der öffentlichen Abwasseranlage auch die Zuleitungskanäle zu inspizieren - damit können Ursachen für das Fremdwasser ausfindig gemacht und die erforderlichen Maßnahmen ergriffen werden.

RSV: Was müsste in Deutschland passieren, um flächendeckend eine Verbesserung der Situation in der Grundstücksentwässerung zu erreichen?

Mücahit Özgür: Die Eigentümer sollten nicht alleingelassen werden bei der Sanierung ihrer Zuleitungskanäle - das ist ein wichtiger Punkt. Die jeweiligen Kommunen könnten als verantwortliche Netzbetreiber mit der Überwachung der Zuleitungskanäle für die Grundstückseigentümer beginnen und sich als Dienstleister verstehen. Von den guten Erfahrungen, die wir damit gemacht haben, berichten auch andere Kommunen in Hessen. Wer nicht genug Personal hat, kann die Aufgabe an spezialisierte Ingenieurbüros übergeben. Es gibt auch in kleineren Kommunen Beispiele dafür, dass dies funktioniert - zunächst mit einer kleinen Zahl von Grundstücken. Die Hauptsache ist, einfach anzufangen.

Weitere Informationen:

www.rsv-ev.de/hausanschluss

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