Stellungnahmen ÔÇô Jahresausblick 2021: Nach Corona mit Vernunft investieren

Der Beginn des Jahres 2021 ist von Herausforderungen gepr├Ągt, die das vergangene Jahr uns hinterlassen hat: Die Corona-Krise und ihre Folgen, der  Klimawandel und seine Weichenstellungen sowie der anhaltend kritische Zustand der Abwassernetzinfrastruktur. Welche Aufgaben und Chancen erwachsen daraus f├╝r uns als Unternehmen in der Kanalsanierungsbranche, aber vor allem f├╝r die Entscheider der ├Âffentlichen Hand? Wir starten ins Jahr mit einer kleinen Zusammenstellung von Empfehlungen ÔÇô insbesondere an die Verantwortlichen der L├Ąnder, denen wir diese Stellungnahme zukommen lassen.

Gestiegenes Engagement f├╝r Infrastruktur nutzen

Dass der Begriff "Corona-Krise" in vielerlei Hinsicht gerechtfertigt ist, ist unbestreitbar. Die Corona-Pandemie beherrschte unseren Arbeitsalltag im Jahr 2020 und wird dies sicherlich auch noch mindestens im ersten Halbjahr 2021 tun. Dennoch sehen wir immer deutlicher: Ein derartig Jahrhundertereignis hat unser ├Âffentliches Leben in Deutschland weniger heftig aus der Bahn geworfen, als dies in anderen Staaten passiert ist.

Wir stellen sogar fest: Im ganzen Land ist eine deutliche Priorit├Ąt der ├Âffentlichen Hand f├╝r den Ausbau und den Erhalt der Infrastrukturen sp├╝rbar, zu denen auch das ├Âffentliche Entw├Ąsserungsnetz z├Ąhlt. Die meisten Netz-Verantwortlichen sind sich in "Krisenzeiten" ihrer Aufgabe sehr bewusst und treiben die Verbesserung der Situation aktiv voran. Aktuelle Aussagen von Landespolitikern deuten au├čerdem darauf hin, dass die Investitionen in die Infrastruktur trotz Corona eine weiterhin hohe Priorit├Ąt haben. Das werten wir als klaren Lichtblick f├╝r die Zukunft, verbunden mit der Annahme, dass damit nicht nur der Ausbau der digitalen Infrastruktur gemeint ist.

Die St├Ąrke der geb├╝hrenfinanzierten Daseinsvorsorge ausbauen

Wo Licht ist, ist aber auch Schatten. Unbestreitbar ist: Corona wird teuer f├╝r die Kommunen. Der Ausfall der Gewerbesteuer nimmt zum Teil dramatische Z├╝ge an und ganze Wirtschaftszweige erleben historische Einbu├čen. Auch wenn der Staat mit schwindelerregendem finanziellen Einsatz eingesprungen ist, treibt manchem B├╝rgermeister zurecht die bange Frage um: Wer soll das bezahlen? Vielleicht ist es typisch f├╝r unsere Kultur, dass wir die Dinge gern erst einmal tiefschwarz sehen, bevor wir dann erleichtert aufatmen, wenn es doch nicht so schlimm kommt.

Diese Ambivalenz lie├č sich schon im vergangenen Jahr an unserer Branche beobachten, unter anderem w├Ąhrend unseres zun├Ąchst w├Âchentlichen, dann monatlichen "RSV-Erfahrungsaustauschs". So wurden nach dem ersten Lockdown erste Haushaltssperren ins Gespr├Ąch gebracht, geplante Sanierungsprojekte auf Eis gelegt und der Hebel auf "Abwarten" gestellt. Andere Netzbetreiber haben genau das Gegenteil getan und die leergefegten Stra├čen f├╝r Sanierungsma├čnahmen genutzt. Zum Jahresbeginn beobachten wir nun, dass einige aufgeschobene Projekte nachgeholt werden.

Wir erinnern gern daran: Geb├╝hrenfinanzierte Systeme wie die ├Âffentliche Abwassernetze werden aus gutem Grund durch zweckgebundene Mittel finanziert. Dass sie f├╝r das Stopfen von Haushaltsl├Âchern nicht geeignet sind, ist heute besser denn je dem B├╝rger zu vermitteln.

Den Zustand der Kan├Ąle realistisch einsch├Ątzen

Dass die Aufgaben nicht weniger werden, haben die j├╝ngsten Zahlen der DWA gezeigt. So befindet sich etwa ein Viertel des ├Âffentlichen Kanalnetzes in einem guten Zustand. Dem gegen├╝ber steht jedoch ein Anteil von 18 Prozent, der kurz- oder mittelfristigen Sanierungsbedarf hat sowie ein ├Ąhnlich gro├čer Teil (13,5 Prozent), der nicht erfasst ist. Nach den aktuellen Zahlen wird j├Ąhrlich 1 Prozent der unterirdischen Leitungen instandgesetzt. Da sich vor allem gr├Â├čere Netzbetreiber an der Umfrage beteiligt haben und die Daten kleinerer Entsorger hochgerechnet wurden, ist die Lage m├Âglicherweise noch besorgniserregender: Die Erfahrung unserer Unternehmen ist: Je kleiner das Netz, umso dramatischer stellt sich der Zustand oftmals dar.

Gemeinsam den Fachkr├Ąftemangel bek├Ąmpfen

Dies hat m├Âglicherweise auch damit zu tun, dass die Personalsituation bei den Netzbetreibern zum Teil ebenfalls so angespannt ist wie bei den Unternehmen der Branche. Das jedenfalls haben diverse Gespr├Ąche der vergangenen Monate gezeigt. Qualifizierte Mitarbeiter zu finden, ist also auch auf Seiten der Auftraggeber ein Thema, hier sitzen Netzbetreiber und ausf├╝hrende Unternehmen im gleichen Boot.

Die Verb├Ąnde der Kanalsanierungsbranche haben vor einem Jahr mit dem verb├Ąnde├╝bergreifenden Bildungspakt den Anfang gemacht, die Aus-, Fort- und Weiterbildung in unserer Branche voranzutreiben. Dass dies auch auf der Auftraggeberseite geschieht, ist im Sinne aller.

Auf zeitgem├Ą├če Verfahren setzen

Die Tatsache, dass es in Deutschland inzwischen ein dichtes Angebot an spezialisierten Unternehmen f├╝r die Sanierung von Entw├Ąsserungsleitungen gibt, sehen wir als gute Basis f├╝r die erfolgreiche Arbeit an der Netzinstandhaltung. Die Renovierung von Entw├Ąsserungsleitungen hat sich fest etabliert und wir stellen ein stabiles Wachstum in diesem Bereich fest. Das zeigt auch die j├╝ngste Statistik: Der Anteil der Renovierungsverfahren wie dem Schlauchlining hat laut DWA-Umfrage gegen├╝ber 2015 um 6,3 Prozentpunkte zugenommen.

Die Renovierung von Abwasserkan├Ąlen ist eine vern├╝nftige Sache ÔÇô auch wirtschaftlich gesehen: Sie kostet nach Erhebung der DWA im Schnitt 438 Euro pro Meter, w├Ąhrend die Erneuerung mit 1660 Euro zu Buche schl├Ągt. Gut die H├Ąlfte aller Kan├Ąle werden allerdings weder renoviert noch erneuert, sondern unterirdisch an den schadhaften Stellen repariert ÔÇô hier werden 82 Euro pro Meter aufgerufen, wie die DWA aktuell erhoben hat.

Beim Schlauchlining ÔÇô dem am h├Ąufigsten verwendeten Renovierungsverfahren in Deutschland - entsteht unterirdisch ein neues, statisch tragendes und muffenfreies Kunststoffrohr im Altrohr. Wir haben es hier mit Hochleistungswerkstoffen zu tun, die sich durch gute chemische Best├Ąndigkeit und damit Dauerhaftigkeit auszeichnen. Neben den vor Ort h├Ąrtenden Verfahren geh├Ârt der Einbau werksseitig erstellter Liner zu den Renovierungsverfahren.

Wenn bei Kanalrohren von Erneuerung die Rede ist, bedeutet dies l├Ąngst nicht mehr, dass Bagger anrollen: Jede vierte Erneuerung wird in geschlossener Bauweise vorgenommen, Tendenz steigend.

Geb├╝hrenzahlern "reinen Wein einschenken"

Dass die Instandhaltung der Netze ├╝ber zweckgebundene Geb├╝hren finanziert wird, ist ein echter Segen, der sich gerade jetzt in der Krise bew├Ąhrt. Kontraproduktiv ist deshalb eine Debatte um die H├Âhe von Abwassergeb├╝hren, die in Kommunen immer wieder aufkommt ÔÇô etwa im Rahmen von Geb├╝hrenrankings. Netzverantwortliche haben unsere volle Unterst├╝tzung, wenn sie sagen, dass Netze in Abh├Ąngigkeit mit ihren geografischen und hydrografischen Gegebenheiten deutliche Unterschiede bei den Betriebsaufwendungen aufweisen. Hier w├Ąre eine differenzierte Betrachtung w├╝nschenswert.

Die Forderung von Verbrauchersch├╝tzern nach einer m├Âglichst gro├čen Transparenz ├╝ber die Zusammenstellung der Geb├╝hren unterst├╝tzen wir ebenfalls, denn wir gehen davon aus: Was den Aufwand f├╝r Netzinstandhaltung betrifft, haben die Abwasserentsorger nichts zu verbergen.

Ich pers├Ânlich hoffe darauf, dass die Corona-Krise einen nachhaltig verst├Ąrkten Blick in der Bev├Âlkerung auf die Funktionsf├Ąhigkeit ├Âffentlicher Verwaltungsstrukturen bringt: Unabh├Ąngig davon ob es sich um Schulen, Gesundheits├Ąmter oder eben um Abwasserkan├Ąle handelt: Dass Daseinsvorsorge ihren Preis hat, sollte sp├Ątestens jetzt jedem klar sein. Das Einsparen von Leistungen verlagert Probleme auf die kommenden Jahre - und Generationen. Die daraus resultierenden Aufwendungen fallen dann unverh├Ąltnism├Ą├čig h├Âher aus ÔÇô die Folgen f├╝r die Umwelt offenbaren sich zeitverz├Âgert und zumeist irreversibel.

Um die seit Jahren wachsende Aufgabe der Sanierung der bestehenden Netze zu schultern, muss der B├╝rger aber noch st├Ąrker ins Boot geholt werden. Wer auf die Toilettensp├╝lung dr├╝ckt, macht sich schlie├člich hierzulande bisher kaum Gedanken dar├╝ber, dass die ├Âffentliche  Kanalisation in die Jahre kommt und mit viel technischem und personellem Aufwand gewartet und instandgehalten wird. Die vielerorts durch Putzlappen und Feuchtt├╝cher verstopften Leitungen haben vielen die Augen ge├Âffnet und gezeigt: das System kann durch Fehlverhalten einzelner empfindlich gest├Ârt werden.

Eigent├╝mer st├Ąrker in die Verantwortung nehmen

Mit einem Nutzerverhalten anderer Art haben viele Netzbetreiber zu k├Ąmpfen: Laut DWA-Umfrage bereitet Fremdwasser aus nicht genehmigten privaten Drainageleitungen zunehmende Probleme in vielen Kommunen ÔÇô rund zwei Drittel des Netzes sind davon betroffen. "Die Folgen der Ableitung des Dr├Ąnagewassers ├╝ber das ├Âffentliche Entw├Ąsserungssystem sind gravierend, sowohl technisch als auch ├Âkonomisch", teilte die DWA mit.

Das Problem ist auch uns bekannt, wenngleich wir als Ursache eher die oftmals schadhaften Hausanschlussleitungen sehen. Aufgrund von Undichtheiten in den bestehenden Grundst├╝cksentw├Ąsserungsanlagen kommt es vielfach zu einer Drainagewirkung im bestehenden Netz. Der Hauptkanal kann also noch so dicht sein ÔÇô wenn es nach einem Regenguss aus allen L├Âchern in den Kanal flie├čt, wird es f├╝r alle teuer. Ich gehe davon aus, dass die meisten Grundst├╝ckseigent├╝mer sich ├╝ber den Effekt der Infiltration nicht im Klaren sind ÔÇô und offensichtlich auch so mancher Politiker.

Statt sich der Verantwortung zu stellen, wird die Pflicht zur Dichtheitspr├╝fung als ├╝bertriebene b├╝rokratische Belastung dargestellt, zum Teil sogar mit R├╝ckendeckung durch einzelne Landesregierungen: Es ist dem B├╝rger kaum zu vermitteln, wenn in einigen Bundesl├Ąndern private Grundst├╝ckseigent├╝mer von der die Pflicht zur Dichtheitsnachweis nach dem Wasserhaushaltsgesetz zun├Ąchst befreit werden.

B├╝rgeraufkl├Ąrung zur gesamtgesellschaftlichen Aufgabe machen

Wir informieren als Verband auf unserer Internetseite und in Brosch├╝ren wie "Reine Privatsache" dar├╝ber, wie das Einleiten von Niederschlagswasser von privaten Grundst├╝cken vielfach zu einer ├ťberlastung der Kanalisation und zu einer Verd├╝nnung des Abwassers f├╝hrt. Dadurch wird der Reinigungswirkungsgrad der Kl├Ąranlage deutlich verschlechtert sodass ein erheblich h├Âherer Aufwand f├╝r biologische Abwasserreinigungsprozesse getrieben werden muss. Wird der Fremdwassereintrag reduziert, f├╝hrt dies zu einer Kostensenkung im Netztrieb, die langfristig f├╝r alle sp├╝rbar wird.

Warum lernen Kinder solche Zusammenh├Ąnge nicht in der Schule? Warum gibt es einen Flickenteppich von Webseiten, Flyern, Brosch├╝ren und Informationsschreiben von St├Ądten, Kommunen und Netzbetreibern? Wir empfehlen, jetzt die Zeichen der Zeit zu nutzen und eine bundesweit ├╝bergreifende Verantwortung f├╝r die B├╝rgeraufkl├Ąrung zu starten. Mehr Achtsamkeit f├╝r das, was unter uns passiert ÔÇô daf├╝r kann eine ├╝bergreifende Kampagne werben, losgel├Âst von der gesetzlichen Verantwortung durch die Bundesl├Ąnder.

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