RSV-News Herausforderungen 2023: "Wir sitzen in einem Boot"

Personalmangel, steigende Energiepreise, fehlende Planungskapazitäten, AZ-Rohre: Der RSV-Vorstand sagt Firmen und Netzbetreibern Unterstützung zu.

Im jüngsten RSV-Erfahrungsaustausch haben Ingenieurbüros, Herstellerfirmen, ausführende Unternehmen, Kommunen und Netzbetreiber die aktuelle Lage aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet. "Es gibt eine Menge Themen, um die wir uns gerade kümmern und die uns auch im Jahr 2023 beschäftigen werden”, fasste RSV–Vorstandsvorsitzender Andreas Haacker zusammen. “Unternehmen und Netzbetreiber durchleben derzeit die Krisen gemeinsam - deshalb ist es wichtig, dass wir als Verband beide Seiten unterstützen, zum Beispiel durch die Arbeitskreise, Statements und Projekte wie die Anerkennung von AZ-Sanierungsverfahren.”

In der Energiekrise sitzen Abwasserentsorger und Unternehmen laut Haacker in einem Boot. “Wer die Sanierung der Netze vorantreibt, vermeidet die Infiltration von Fremdwasser in die Netze. Die Reinigung von Abwasser kostet Energie - das können sie in der Kläranlage sparen”.

"Wir versuchen, die Spitze des Eisbergs zu schaffen"

An allen Ecken und Enden fehlt Personal – das war für nahezu alle Teilnehmer der Online-Veranstaltung Problem Nummer eins. Ein Netzbetreiber aus Süddeutschland brachte es auf den Punkt: „Wir haben viele Schäden, um die wir uns kümmern müssten. Die vielen täglichen Dinge lassen uns aber einfach nicht dazu kommen. Wir versuchen die Spitze des Eisbergs zu schaffen und den Laden am Laufen zu halten.” Auch andere Netzbetreiber berichteten über stockende Projekte in der Kanalsanierung, weil in allen möglichen Berufsgruppen Leute fehlen – vom Vermessungstechniker bis zum Spülfahrzeugführer.

“Die meisten haben ein falsches Bild von dem, was wir machen”

Krisensicher, vielfältig und technisch anspruchsvoll – warum landen so wenige angehende Ingenieure in unserer Branche? Daniel Korczinski vom Ingenieurbüro ISAS berichtete von einer Berufsmesse einer Hochschule, auf der er um Nachwuchs geworben hatte. “Eigentlich ist das Interesse in den Bereichen Bau und Wasserwirtschaft hoch. Aber beim Wort Kanal laufen die Leute fluchtartig davon. Die meisten haben ein komplett falsches Bild von dem, was wir eigentlich machen”. Bertram Leblang vom Entsorgungsverband Saar (EVS) fasste es zusammen: „Unser Beruf ist offensichtlich einfach nicht sexy. Daran müssen wir mehr arbeiten.”

Planung – Vor allem in Deutschland hapert’s

"Der Mangel an Ingenieuren befeuert ein weiteres Problem: Viele Projekte im Bereich der grabenlosen Sanierung scheitern an der notwendigen Zustandserfassung und Planung. Zusätzlich zur Tatsache, dass viele Planungen während der Corona-Zeit verzögert wurden, scheint das Problem in Deutschland schlimmer zu sein als im Ausland: Alles was Planung benötigte wurde aufgeschoben und kommt nur verzögert, sowie in kleineren Projektgrößen auf den Markt. Im Ausland haben wir das Problem nicht”, berichtet Ralf Glanert vom Rohrhersteller Wavin. Thorsten Schulte von der Firma Tracto Technik pflichtet ihm bei. “Die Sanierung ist im Ausland ein Top-Markt, dabei ist das Fachwissen in den internationalen Märkten viel geringer als in Deutschland”. Merkblätter und Normen aus Deutschland finden laut Schulte großen Anklang jenseits unserer Grenzen: “Was regelwerkstechnisch derzeit in Deutschland passiert, ist wirklich gut”.

Das Thema Energiepreise fehlte im Erfahrungsaustausch des Jahres 2023 nicht. RSV-Geschäftsführerin Reinhild Haacker hatte die aktuellen Zahlen des statistischen Bundesamtes präsentiert, wonach sich die Materialpreise bei Sanierungssystemen und Rohren derzeit auf hohem Niveau halten.

Viel Bedarf, aber sinkende Projektgrößen

"Auch macht sich die aktuelle Unsicherheit aufgrund des Angriffskriegs auf die Ukraine in einem Rückgang der Projektgrößen bemerkbar. Wir beobachten, dass die Projektgrößen in der Rohrsanierung immer kleiner werden. Erst bei entsprechenden Projektgrößen zeigen sich jedoch die Vorteile der grabenlosen Sanierungsverfahren gegenüber offenen Verlegungen in aller Deutlichkeit“, so Ralf Glanert von der Firma Wavin. Selten würden in Deutschland Sanierungen von einem oder zwei Kilometer beauftragt – mit entsprechend höheren Aufwänden als bei längeren Sanierungsprojekten.

Mehr Nachhaltigkeit, “aber nur nicht grün anmalen!”

Jörg Sommer von der Firma Simona, Hersteller von PE- und PP-Rohren erwartet weitere Auswirkungen aufgrund steigender Energiepreise. “Die erwarteten Energiekosten werden uns alle betreffen. Ebenso müssen wir die wichtigsten Themen Nachhaltigkeit, Carbon Foodprint mit Bezug auf die garbenlosen Bauweisen mehr auf der Agenda haben. Hier haben wir ein enormes Potenzial an Einsparungen von CO2-Emissionen”. Susanne Leddig-Bahls von der IQS-Engineering pflichtete ihm bei, warnte allerdings zugleich vor leicht identifizierbaren Greenwashing-Aktivitäten: “Wir dürfen uns aber nicht einfach nur grün anmalen“. Nachhaltigkeitszertifizierungen müsse es nicht nur für die Produkte, sondern für die gesamte Verfahrensbandbreite geben. Die Akzeptanz der grabenlosen Sanierungstechniken müsse in Deutschland auf breiter Fläche verbessert werden, fordert Leddig-Bahls. “Da fehlt einiges an Wissen. Das sieht man auch an den Produkttests.”

AZ-Leitungen: Kommunen in Wartestellung

Ein Problem, das Teilnehmer aus dem Süden Deutschlands beschäftigt,  ist das Thema Leitungen aus Asbestfaserzement (AZ). “Viele Kommunen warten  in Bayern darauf, dass die Landesregierung von ihrer Haltung abrückt, Sanierungen nicht zu genehmigen”, erklärt Daniel Korczinski, der als Projektleiter die Anerkennung emissionsarmer Verfahren vorantreibt. Bayerns Umweltminister Torsten Glauber hatte zuletzt geäußert, dass das Belassen im Boden der risikoärmste Ansatz sei.

 

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